Klatschgeschichten und Weisheiten: Berlin, Tango, Yoga

Ich finde Tango echt gut. Yoga finde ich auch gut. Eigentlich vor allem wegen den körperlichen Erfahrungen und Wirkungen (und ein bisschen körperlich-seelisch auch, gebe ich zu). Eigentlich mag ich auch Großstadt-Szenen, wie sie sich bilden, wenn Leute mit Begeisterung sich um ein Thema, wie Tango oder Yoga, Salsa, Swing usw. treffen ohne viel formale Strukturen: Meist trifft man viel Menschliches und manchmal auch Lustiges dabei.

Was den Unterricht in diesen Szenen anbelangt: Meistens ist er erfrischend inspiriert von der Begeisterung und Körpererfahrung der Lehrenden – selten von zuviel „Lehrplan“ überfrachtet. Im Tango traf ich früher auch mal (Gast-)Lehrer, die gerade keine Lust auf die Lernstufen haben, auf denen die Schüler gerade stehen und die sich solange lieber auf die Pflege ihres Egos beschränkten. Das gibt es wohl heute weniger. Etliche Jahre lang hing reisenden argentinischen Gastlehrern der Verdacht an, eventuell zu der Spezies mit dem großen Ego zu gehören. Auf dem lateinamerikanischen Kontinent gibt es viele Witze, die sich um dieses Vorurteil der angeblichen Überheblichkeit als eines Persönlichkeitselements der Argentinier drehen. Vorurteile aber sind ohnehin dafür da, sie zu hinterfragen.

Natürlich haben wir geniale Tangolehrer – mit verschiedenen Schwerpunkten. Die reisenden Lehrer, die eine Lehrzeit in Buenos Aires hatten, verfügen oft eine besonders reiche Erfahrung mit verschiedenen Aspekten des Tanzes und der Kultur um den Tango. Auch wenn nicht immer das Wachsen der eigenen Erfahrung mit einer Entwicklung der Vermittlungsfähigkeit einhergegangen ist. –

Andererseits ist für startende Lehrer ohne eine solche intensive „Lehrzeit“ und mit wenigen Jahren an Unterrichtserfahrung die Versuchung besonders groß, nur von der eigenen Körpererfahrung auszugehen: Dann wird manchmal zu subjektiv nach dem aktuellen eigenen Empfinden unterrichtet (anstatt nach den Bedürfnissen der Mehrzahl der Schüler der Klasse). Oder es wird mit bildsprachlichen Elementen gearbeitet, die vielleicht schon Geschichte in der Szene haben, aber keine Verbindung mit der Alltagserfahrung von Lernenden („Dissoziation“ ist ein solches Wort, das in Berlin viel im Tango-Unterricht verwandt wird, aber auch „bewege Dich doch natürlich/normal“ usw.). Läßt sich da was vom Yoga lernen? Das ist eine Frage, die ich mir stelle, seit ich vor vielen Jahren startete mich in der Yoga-Szene zu orientieren: dabei stieß ich natürlich nicht nur auf Methoden und Ideen, sondern auch auf die Menschen und die Stimmung einer anderen „Szene“.

Im Yoga geht es ja hier in der westlichen Welt schon länger um körpergerechte Bewegungspraxis – und dieser Aspekt gefällt mir sehr. Gerade mache ich nochmal ein Yoga-Lehrer-Ausbildung, weil ich Yoga für einen effektiven Weg halte, mehr über Ausrichtungsprinzipien des Körpers in gelebte Bewegung zu lernen.

Hierzu habe ich einen modernen Yoga-Stil mit flüssigen Bewegungen zum Rhythmus des Atmens gewählt. Diese Stile werden mit dem Überbegriff „Yoga-Flow“ oder „Vinyasa-Yoga“ bezeichnet. Auch wenn die fließenden Bewegungen eine Tradition in Indien haben, so wurden sie doch vor allem in USA und Kalifornien das erste Mal von einer großen Menge an Menschen angenommen und geschätzt. Ich teile die Meinung, dass es dem heutigen Lebensstil angemessen ist, den Körper mit einer aktiver Bewegung, die den Atem einschließt, zu erfahren. Trotz der Bewegung, die anstrengend werden kann und von außen etwas gymnastikhaft aussehen mag, entsteht dabei eine Ruhe über den Körper . Viele teilen mit mir die Erfahrung, dass sich ein Gefühl von Offenheit einstellt, das für eine Erfahrung von Meditation vorbereitet oder im guten Fall eine solche Erfahrung schon enthalten kann.

Diese für mich zweite Erfahrung mit einem Teacher-Training im Yoga mache ich in Berlin bei SpiritYoga und bin gerade recht begeistert von den beteiligten Lehrern. SpiritYoga ist gegründet und geprägt von Patricia Thielemann – eine hochgewachsene blonde Hamburger Ex-Schauspielerin, mit klaren souveränen Qualitäten. Als Schauspielerin würde ich ihr gerne die Rolle einer Deutschen Athletin geben, wenn es ein Remake von Riefenstahls Olympia 1936 geben würde. Im Leben hat sie auch eine gewisse Strenge – angenehm gebrochen von der trocken-humorigen Schicht darunter: Da paßt auch ihre intensiv gelebten Partnerschaft zu ihrem Mann, einem amerikanischen Stand-up-comedian. Der Anspruch ans Spirituelle ist auch quasi „kühl“: mit viel Respekt vor dem, was aus der körperlichen Praxis entsteht und mit weitgehendem Verzicht auf Versatzstücke aus religiösen, östlichen Traditionen. In den anatomisch-physiologischen Erklärungsmodellen orientiert sich SpiritYoga an vernünftigen Prinzipien. Dabei bestehen auch gewisse Ähnlichkeiten zu einem weiteren verwandter Yoga-Stil aus USA, in dem anatomischen Ideen in Modelle gekleidet wurden, die an einem Konzept namens Spiraldynamik angelehnt sind.

In den vergangenen Tage habe ich bei einem Intensiv-Workshop in jener Yoga-Stilrichtung mit dem Markennamen Anusara-Yoga in Berlin mitgemacht. Als ich mich vor ein paar Monaten angemeldet hatte, galt diese Richtung als besonders seriös: insbesondere von dem physiotherapeutisch-medizinische Konzept Sprialdynamik, von dem es inspiriert ist, halte ich viel. Der Gründer von Anusara (markenrechtlich geschützt, mit Gebührenpflicht der Lehrer und Schulen, die diesem Marke nutzen) scheint ein recht charismatischer Mensch zu sein. Ich habe ihn nie kennengelernt. Man spricht davon, dass er auch bei großen Veranstaltungen viele Leute begeistern kann.

In den letzten Wochen war zu lesen, dass jener Chef von Anusara-Yoga, John Friend, in letzter Zeit wohl mehrere seiner langjährigen Schülerinnen vernascht hatte. Die sind Jahrzehnte jünger als er: aber insbesondere die job- und markenrechtlichen Abhängigkeitsverhältnisse seiner Schülerinnen zu ihm machen diese Vorkommnisse nicht nur nach yogisch-inspirierter Ethik bedenklich. Garniert wurden diese Geschichten von Bildern, die erst vor dem Hintergrund des amerikanischen Umgehens mit Nacktheit so richtig effektvoll wirken: da ging es um Fotos im Stil eines von ihm geleiteten Hexensabbath mit dem für das Boulevard interessanten Detail, dass die weiblichen Adepten darauf nackt waren.

Alles nichts im Vergleich zu dem, was man von Berlusconi oder Strauss-Kahn weiss – aber für ziemlich unglücklich halte ich es doch für die Anusara-Community und -Marke – und manches deutet darauf hin, dass auch nicht alle Beteiligten ganz glücklich sind.

Zurück nach Berlin: Das Lehrerpaar Vilas und Claudia (spiritueller Name/Yoganame: Lalla), das die Prinzipien der Yoga-Richtung Anusara hier vermittelt, geht nach Erwähnung der Teilnehmer kurz auf den Skandal in USA ein: als menschliche Verfehlungen des Gründers… na klar – trotzdem werde ich und andere sicher noch ab und zu einen bösen Scherz abbekommen, wenn wir erzählen, dass wir uns mit Anusara-Yoga beschäftigt haben. Wie auch immer: ich mag Vilas und Claudia vor allem wegen Ihrer freudig humorvollen Art eine kräftige Yoga-Praxis anzuleiten: zugleich fordernd und verspielt: Angenehm, dass die beiden als Paar auftreten: selbst wenn jemand ihnen unterstellen will, dass auch sie Aufmerksamkeit genießen und nicht gerade ohne Ego sind, so strahlt darüber ihr Humor über sich selber und das menschlich-positive zwischen Beiden.

Interessant auch: es waren mehrere Teilnehmer mit jahrzehntelanger Yoga-Erfahrung dabei, die früher oder auch bis heute eine tragende Rolle in der Organisation von Yoga spiel(t)en, wie es sich in ganz Deutschland etwa seit den 80er und 90er-Jahren etabliert hat: in jenen Jahren entstand die deutsche Yoga-Bewegung aus einer Beschäftigung mit dem Thema, die aus meinen Augen einen gewissen bildungsbürgerlichen und geistig-quasireligiösen-spirituellen Anspruch ähnlich wichtig nahm, wie den Erfahrungsweg über die körperlichen Techniken der Asanas, Meditation und Atmung. Zeitweilig sah es so aus, dass die vermeintlich mehr körperorientierten Yoga-Stile, die oft zuerst in USA breite Resonanz fanden, und die im deutschsprachigen Raum besonders viel in Berlin vertreten sind, von anderswo als oberflächlich und vereinfachend beäugt wurden. Jetzt aber scheint es, dass einige Elemente einer intensiveren Körperpraxis fast überall Anklang finden und gerade die von mir in diesem Artikel erwähnten Yoga-Stilrichtungen besonders beeinflussend anf andere Stile und Traditionen wirken.

Und im Tango?: eigentlich ganz praktisch, dass es im Tango nicht den spirituellen Anspruch gibt, eine „bessere“ Ethik zu leben. Nicht nur, dass wir europäische Tangueros fast alle ziemlich harmlos in unseren Eskapaden sind – dazu kommt, dass sich aus unserem Thema weniger Tabus ergeben.

Ich habe es für mich so erfahren, dass der Tango-“Spielplatz“ mir über Jahre Gelegenheit gegeben hat, in ein paar verschiedene Aspekte meiner Persönlichkeit spielerisch reinzuschmecken (Klamotten, Stile…), ohne einen Anspruch etwas spirituell Tieferes zu finden. Das empfinde ich als rundherum positiv.

Das Fehlen eines besonderen spirituellen Anspruchs führt allerdings zu weniger ergiebigen Boulevard-Stories: Eventuelle echte oder vermeintliche Tango-Stars in Buenos Aires, die um 5h morgens noch im „Viruta“ vorbeischneien (wöchentliche Tanzabend von Buenos Aires, der traditionell am längsten in den Morgen hinein belebt ist – die Tanzabende werden im Tango-Milieu „Milonga“ genannt, deren regelmäßige Besucher sind „Milongueros“) um zu checken, wer sich noch abschleppen läßt, widersprechen weder einem Klischee noch einer ethischen Erwartung an sie. Die alten „echten“ Milongueros und Milongueras mit ihrem Codex, sich für eine eventuelle Fortsetzung der Nacht erst nach einem getrennten Verlassen der Milonga wiederzutreffen (um sich den Status des Ungebunden-seins für den nächsten Besuch der Milonga zu bewahren oder den andern nicht anderweitig zu kompromittieren) entsprechen ebenso nur den Spielregeln der eigenen Werte. Und die oft etwas überbordenden Piropos (Schmeicheleien, wie sie in Tanzpausen zugeflüsteret werden) passen da auch hinein – in Ihrer ganzen Spannweite von poetisch bis dahin, dass sie auch mal anzüglich ausfallen können.

Was kann man noch sehen beim Tango?

Auf der Milonga kann man erkennen, wenn Tanzbegeisterte längere Zeit in einer Schule gelernt haben – manchmal bis zu individuellen Bewegungskoordinationen, wie sie zu der Person eines Lehrers gehören. Des öfteren – vor allem wenn man Gelegenheit hat Menschen in den ersten Jahren der Begegnung mit dem Tango zu verfolgen, kann man sehen wie der Bewegungsstil auch außerhalb der Tanzfläche geschmeidiger und aufrechter wird.

Wie ist das beim Yoga? Immer mehr glaube ich auch hier, die Grundprinzipien mancher „Stile“ im Körpergebrauch der langjährigen Fans auch außerhalb der Yoga-Matte zu erkennen. Die Ergebnisse sind insgesamt positiv dabei: oft fallen mir dann weniger Verspannungen ins Auge. Und es bleibt interessant, was Körper erzählen. Ich finde, es ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl eines Lehrers in der jeweiligen Szene, dass einem Auftreten und Bewegungsstil der Person gefallen.

Das andere Kriterium ist, was einer zu vermitteln hat, und ob das effektiv und spaßvoll rüberkommt: Und da wurde ich bei meinen letzten Workshops recht gut bedient: z.B. über eine Integration von kleinen Spiralbewegungen während dehnender Stellungen: Wir fühlten uns in Modelle rein, die eine dynamische Ausrichtung von Körperpartien vermitteln, wie sie für Yoga und auch „tanzende“ Körperarbeiten sinnvoll sind.

Zurück zum Yoga mit Vilas: warum sollte nicht ein Yoga-Lehrer nicht ein kleines Meditations-Bäuchlein haben – selbst wenn das sich fortsetzt in einer vorderen zentralen Linie, die den Hals ziemlich gedrungen macht. Jeder muss für sich selbst entscheiden – ich kann mir ja meine eigenen Schwerpunkte nehmen aus einem Angebot an Anleitungen und Anregungen – und manchmal kann auch die Anleitung besser sein als die eigene Bewegungspraxis.

 

Um den Bezug zum Tango herzustellen: Ich muss ja auch nicht jedes einzelne Detail der Persönlichkeit bei von mir besonders bewunderten Tango-Vorbildern schätzen. Schon mit dem ersten Schwung von Gastlehrern in Berlin wurde uns anfang der 90er schnell klar, dass etwa ein Pepito Avellaneda für den Tango mit seiner Art sich zu bewegen begeistern kann, und das um keinen Deut weniger dadurch, dass er eine sehr eigenwillige und nicht gerade Adonis-hafte Figur hatte http://www.youtube.com/watch?v=-s1hymceiho . Und auch heute noch aktive, wie z.B. Chicho Frumboli geben sich alle Mühe, diese Erkenntnis in uns wach zu halten.

Was den ethischen Anspruch anbelangt: der muss auch im Yoga nicht vom ersten Kontakt an überbordend groß sein und da finde ich Patricias pragmatisches Spirit-Yoga-Konzept ganz angemessen: Wenn es mir gelingt, in der Praxis von kraftvollen Positionen und meditativen Elementen meinen Körper als Tempel wahrzunehmen, dann gehe ich bereichert aus der Yogaklasse – wenn ich andererseits nur offen bin für das „Fitnessprogramm Yoga“, dann soll auch das mindestens bedient sein. Kein Geschwafel, keine Dogmatik, aber anerkennen, dass es etwas Größeres gibt, was über unseren Denkhorizont hinausgeht. Und potenziellen Erfahrungsraum dafür vorsehen: Denn die Erfahrung des Hatha-Yoga hat immer auch eine körperliche Komponente: zumindest eine spezifische Form zu Atmen und den Körper in eine Haltung zu bringen. Und für die meisten von uns, die diese Art Yoga im 21. Jahrhundert betreiben sind eben auch die Yoga-Stellungen und Bewegungen mit ihrer dehnenden und oft kraftvollen Körperkontrolle wichtig. Für diese Prinzipien von Patricia habe ich viel übrig. es sind die gleichen, die auch bei anderen guten Yoga-Lehrer zu finden sind … und manch einer von uns Tango-Fans hat etwas ähnliches auch schon in einem luziden Moment auf einer Milonga erfahren.

Langjährige Tangotänzer, suchen meistens irgendwann nach weiteren Lern- und Erfahrungsräumen über den Tanzunterricht und die Mionga hinaus: sei es eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Musik oder ein Lernen von Ballett oder andere Tanztechniken – oder eben Körpererfahrungstechniken wie Feldenkrais, Alexander-Technik, Yoga usw.. Das ist wichtig – denn um die körperliche Eigenwahrnehmung zu steigern, bracht man neben Übung auch sinnvolle Techniken: Da kann man die bestehenden Angebote nicht genug schätzen, wo diese Erfahrung direkt in den Tango integriert werden, wie z.B. in den „Pila-Tango“ Angeboten des Tango-labs n der Proitzer Mühle oder ähnlichen Gelegenheiten bei Ines‘ „Ladies-“Veranstaltungen siehe tangotanzen.de.

Irgendwie ist es schon besonders schön, dass es Milongas gibt: wir können uns angucken, wie Menschen sich bewegen, können uns dazwischen mit Freunden unterhalten oder neue Freundschaften schließen – können es uns gutgehen lassen und uns dazwischen bei der nächsten Tanda (Set aus ca. 3 Musikstücken) auch noch ein wenig Umarmung und ehrliche körperliche Zuwendung geben. Gut dass es den Tango gibt!